Wann sind Freundschaftspreise sinnvoll?

Selbständigkeit und Freundschaftspreise – wie passt das zusammen? Oder, anders gesagt: Wenn Freunde oder Bekannte Interesse an Deiner Leistung oder Deinem Produkt finden, solltest Du da Rabatt geben?

Ich habe jetzt schon öfter gehört: auf keinen Fall. Das macht nur die Preise kaputt und stellt den Wert der Leistung oder des Produktes unter den Scheffel. Und wenn man sich schwertut, für die eigenen Preise einzustehen, dann macht man lieber keine Werbung für die eigene Arbeit, denn wer wirklich Interesse hat, der kommt auch so und ist bereit, den vollen Preis zu zahlen.

Für mich persönlich passt diese Antwort nicht. Zuerst war das nur so ein Gefühl. Nun habe ich tiefer gegraben und geschaut, warum das nicht passt und was für mich die elegantere Lösung ist.

Zuallererst; das Thema ist mir wichtig, denn ich habe selbst schlechte Erfahrungen gemacht. Es ging um unsere Hochzeitsfotos. Für mich war die vereinbarte Summe viel Geld, für meine Freundin wahrscheinlich ein fettes Zugeständnis. Aber keiner traute sich, darüber offen zu sprechen. Vier Wochen haben wir dann auf die Fotos gewartet, ich merkte: unsere Freundschaft war nicht mehr dieselbe. Und das alles wegen einem Freundschaftspreis, der einfach nicht stimmig war – für uns beide – aus gegenteiligen Gründen.

Wenn ich genauer hinschaue, frage ich mich: Worum geht es bei diesem Thema wirklich? Hier sind meine Gedanken dazu:

Was bedeuten gleiche Preise für alle?

Verlange ich von Freunden denselben Preis wie von allen anderen Kunden, heißt das auch, dass ich hier keinen Unterschied mache. Aber entspricht das der Realität? Okay, ich rede hier von wirklich guten Freunden. Bei Bekannten mag es anders sein. Aber ist die Freundin mir nicht ein sehr wertvoller Mensch, zudem ich eine viel tiefere Beziehung habe, als zu meinen Kunden? Damit will ich nicht sagen, dass mir meine Kunden nicht wichtig sind. Aber die Message an meine Freundin, „Du zahlst den gleichen Preis wie alle anderen“, heißt auch, Du bist hier allen anderen gleichgestellt. Unsere Beziehung ist hier nicht von der Bedeutung, dass sie einen Sonderpreis rechtfertigen würde.

Was bedeuten Rabatte?

Aber genau darum geht es doch in einer Freundschaft. Darum, dem anderen zu zeigen, wie sehr man ihn schätzt und achtet. Okay, jetzt fragst Du vielleicht: Aber, muss sich das dann zwangsläufig in geringeren Preisen widerspiegeln? Nicht unbedingt, aber oft ist es schon die passende bzw. einfachste Variante. Ein Entgegenkommen, gleich welcher Art auch immer zeigt:

  1. die Beziehung ist mir wichtig
  2. Ich bin bereit, aufgrund der Freundschaft ein Zugeständnis zu machen, also etwas zusätzlich zu geben

Und nicht selten ist es doch so: Für mein Entgegenkommen erhalte ich etwas: besondere Freude und Wertschätzung (hoffentlich), extra Feedback, ein Super-Testimonial, Empfehlungen oder einfach Erfahrung (gerade am Anfang der Selbständigkeit auch nicht zu unterschätzen).

Freundschaftspreis – ein Indikator für die Beziehung bzw. Freundschaft

Steven Covey, bekannter amerikanischer Bestsellerautor, hat den Begriff des emotionalen Bankkontos geprägt. Das heißt: jede Beziehung hat ein solches Bankkonto und mit jeder unserer Taten oder manchmal auch Nicht-Taten zahlen wir auf dieses Konto ein oder wir heben davon ab. Haben wir viel für die Beziehung getan, dürfen wir sie auch eher mal belasten. Der andere wird uns eher verzeihen, denn er weiß ja, wir meinen es gut. Umgekehrt: ist die Beziehung bereits belastet, reichen schon kleine Anlässe für einen Streit.

Warum nun also günstigere Preise?

Vor diesem Hintergrund bedeuten gleiche Preise definitiv keine Einzahlung auf das Beziehungskonto. Es wird vielleicht, wenn Du es nicht weiter erklärst, vom anderen sogar als Hinweis wahrgenommen, dass Eure Freundschaft eben nicht mehr wert ist. Wie schade! Dabei ist es doch eine Riesen—Chance. Möchte ich auf diese Chance verzichten? Möchte ich darauf verzichten, dem anderen zu zeigen, dass ich die Beziehung schätze?

Es ist natürlich, wie immer, auch eine Frage der Kommunikation. Dazu mal ein Beispiel:

Sage ich einfach: „Ja, dieser Rock hier kostet 50 Euro, Du kannst ihn bar oder mit Karte bezahlen.“ Auf diese Art bist Du der Rabattfrage vielleicht ausgewichen, aber hast Du dabei ein gutes Gefühl? Bist Du sicher, dass das Eure Beziehung nicht belasten wird?

Und wenn Du wirklich jeden Cent brauchst ist es allemal besser, der Freundin das zu sagen: Du, ich würd Dir jetzt echt gern Rabatt geben, aber im Moment bin ich wirklich drauf angewiesen, Geld zu verdienen. Ich würd mich freuen, wenn Du den Rock auch zum vollen Preis nimmst.

Auf diese Art umgehe ich einen Freundschaftspreis, begründe das aber. So weiß meine Freundin, wie es steht und wird sicher Verständnis für meine Situation haben.

Wenn Du einen Rabatt anbietest, zeigt das immer, dass Du in Eurer Kommunikation auch die Beziehungsebene mit einschließt. Wenn Du zum Beispiel sagst:

„Hey, der Rock kostet eigentlich 50 Euro, aber weil Du es bist, geb ich Dir 20% Rabatt. Ich würd mich freuen, wenn es Dein neuer Lieblingsrock wird. Nur, bitte sag niemandem, dass ich Dir Nachlass gewährt habe, sonst kommen andere und wollen das auch. Einen solchen Nachlass kann ich wirklich nur den engsten Freunden geben.“

Für mich klingt eine solche Antwort viel stimmiger, ehrlicher und verbindender. Am Ende nährst Du auf diese Art Eure Beziehung. Dabei muss es nicht unbedingt ein großer Rabatt oder ein anderes großes Zugeständnis sein.

Welche Preisreduzierung ist angemessen?

Da gibt’s nur eine Antwort: es kommt drauf an. Zum Beispiel und vor allem auf die Situation. Drei typische will ich hier mal näher beleuchten.

Du stehst noch am Anfang der Selbständigkeit und bist froh über jeden Kunden.

Na super, da würde ich auf jeden Fall einen Freundschaftspreis in Betracht ziehen und wäre auch nicht ganz so strikt bei der Frage, wer den bekommt. Sicher brauchst Du Testimonials und bestimmt auch weitere Erfahrung. Dabei können dir Freunde sicher helfen. Also WIN-WIN.

Im normalen Geschäftsverlauf.

Auch hier bin ich für Freundschaftspreise, wenn es eine gute Freundin ist. Du honorierst und integrierst damit die Beziehung, die ihr habt. Das ist immer gut. Du brauchst dich beim Rabatt nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Schau was passt. 10 Prozent, eventuell auch kein Rabatt, sondern ein Schmankerl an Leistung obendrauf.

Du bist ausgebucht.

Dann hast Du eigentlich gar keine Zeit für den Auftrag Deiner Freundin. Ist sie Dir jedoch besonders wichtig, wirst Du sicher schauen, wie es gehen könnte. Vielleicht zusätzlich an einem Samstag? Dann ist vielleicht schon die Zeit ein genügend großer Bonus und Du kannst denselben Preis nehmen wie bei allen anderen. Es gilt wie immer, der Charakter des Besonderen sollte klar zu erkennen sein. Er muss aber nicht im Geld liegen.

Grundsätzlich ist es wichtig, für Dich zu schauen, was wirklich zu Dir passt und authentisch ist. Dann kannst Du guten Freunden auch den für Dich stimmigen Rabatt geben oder eben auch den vollen Preis verlangen, wenn sich das richtig anfühlt. Darüber VORHER zu reden ist auf jeden Fall sinnvoll, denn nur so kannst Du auch erfahren, was Deine Freundin erwartet. Was für Dich stimmig ist, muss es nicht für sie sein.

Wir haben damals nicht drüber gesprochen. Es ist ein unschönes Thema. Über Geld spricht man eben nicht. Aber das ist Bullshit. Es gehört dazu. Und noch besser: es birgt die Chance auf echte, authentische Verbindung. Wenn Du offen bist und auch Deine Freundin ehrlich sagt, was sie möchte, gibt’s hoffentlich ein WIN-WIN.

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