Buch the four tendencies

Bevor ich eine Entscheidung treffe, vergleiche, recherchiere und lese ich. Manchmal so viel, dass es mich selbst nervt. Aber ich kann einfach nicht anders. Einfach so den Impfempfehlungen folgen? Oder der Empfehlung meiner Schwiegermutter? Niemals. Ich hinterfrage viel, studiere selbstverständlich auch Bedienungsanleitungen und frage warum, wenn andere einfach machen. Und warum geht meine Schwester nur joggen, wenn sie dafür eine Verabredung hat, während mein Mann ständig Listen schreibt, die er dann auch akribisch abarbeitet und erst ruht, wenn der letzte Punkt erledigt ist?

Die amerikanische Bestseller-Autorin Gretchen Rubin hat darauf eine ganz simple und erstaunlich treffende Antwort gefunden. Es dreht sich alles um die Frage, wie wir mit Erwartungen umgehen. Diese Erwartungen gliedert sie in äußere und innere, also welche, die andere an uns haben und dann die, die wir selbst an uns stellen. Es gibt daher genau vier Kategorien oder Tendenzen, zu denen wir quasi gehören können.

Die vier TENDENZEN

  1. nämlich den Upholder (ich nenn ihn mal Erfüller auf deutsch), der sowohl innere als auch äußere Erwartungen erfüllt, dazu gehören etwa 19% der Menschen.
  2. den Obliger (der Verpflichtete), der sich zwar an äußere Erwartungen hält aber nur schwer die inneren erfüllen kann ist am weitesten verbreitet mit über 40%.
  3. der Rebell, der weder innere noch äußere Verpflichtungen erfüllt (außer, er hat gerade Lust drauf). Davon gibt es am wenigsten (ca. 17%).
  4. und der Questioner (Hinterfrager), der die inneren Erwartungen erfüllt und die äußeren eigentlich nur, wenn sie zu inneren geworden sind (weil er verstanden hat, warum sie wichtig sind), Anteil ca. 24%.
Die vier Tendenzen auf Erwartungen zu reagieren, Schema

Schematisch sieht das Ganze dann so aus und es zeigt sich, dass es Überlappungen in die jeweils angrenzende Kategorie gibt oder geben kann. Nach meinen Recherchen gibt es das Buch: The four Tendencies bisher nur in Englisch und auch das dazugehörige “The-four- Tendencies-Quiz” ist nur englisch verfügbar. Wer will kann online dieses Quiz machen und so relativ schnell herausfinden zu welchem Typ er gehört.

Ändern kann man die eigene Tendenz wohl eher nicht. Sie ist offenbar angeboren. Aber wer weiß, wie er mit Erwartungen umgeht und seine Stärken und Schwächen diesbezüglich kennt, kann sich selbst besser verstehen und auch besser lernen, mit sich und anderen umzugehen.

Im Folgenden beschreibe ich die einzelnen Tendenzen genauer, vielleicht erkennst Du Dich oder jemand anderes ja darin wieder. Und ich erzähl auch gleich, wie Du am besten mit diesem Typ umgehst:

 

Der Upholder

Der Upholder hat, wie schon erwähnt, kein Problem mit beiden Arten von Erwartungen. Er schreibt gern Listen, die er dann abarbeitet und ist entsprechend diszipliniert. Er hält, was er verspricht, kennt sein Limit und kann auch mal nein sagen, wenn er der Meinung ist, dass wird ihm zu viel. Er kann sich selbst motivieren, braucht daher wenig Beaufsichtigung, ist verlässlich und gründlich.

Auf der anderen Seite kann er ziemlich humorlos sein, rigide und angespannt. Veränderungen im Zeitplan, vor allem kurzfristig, mag er gar nicht. Er kann Forderungen stellen, die für andere wenig nachvollziehbar sind (muss man zum Beispiel schon eine Woche vor Urlaubsbeginn mit dem Packen anfangen?), wird schnell ungeduldig, wenn andere Erinnerungen brauchen und hält sich ziemlich strikt an Vorgaben, selbst, wenn diese eigentlich überholt scheinen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass mein Upholder-Mann eigentlich immer was zu tun hat, Projekte sehr ungern unfertig liegen lässt und immer so vorbereitet ist, dass ich dagegen wie eine Chaos-Queen wirke. Wenn wir in Urlaub fahren, packt er meist alle Sachen, Bettzeug, Kletterzeug, Kindersachen, Zeltausrüstung, während ich vollkommen und nur damit beschäftigt bin, meine eigenen Dinge zusammenzusuchen.

 

Der Obliger

Der Obliger dagegen erfüllt vor allem die Erwartungen, die andere an ihn haben. Das heißt, dieser Typ ist den ganzen Tag beschäftigt, Dinge für andere, die Familie, den Job zu erledigen. Sich selbst stellt er hintenan. Deadlines, Meetings oder Termine sind für den Obliger wichtig, darauf arbeitet er hin, sie sind der motivierende Faktor. So jemand wird sich kaum aufraffen können allein eine Runde zu joggen, die Masterarbeit eine Woche eher fertig zu haben als gefordert oder auch jemandem eine Bitte abzuschlagen. Nein sagen ist für den Obliger eine große Herausforderung. Daher ist er auch anfällig für Ausbeutung und Burn-Out. Er kann aber auch an einen Punkt kommen, wo es reicht und ihm der Kragen dann relativ schnell und unangekündigt platzt.

Wie kriegt man den Obliger nun dazu auch innere Erwartungen zu erfüllen? Das ist offenbar relativ einfach; die innere Erwartung muss zu einer äußeren werden. Das geht zum Beispiel indem man nicht allein joggt, sondern sich mit einer Freundin verabredet, sein Abnehmziel groß in der Familie bekannt gibt, sodass es jeder weiß und man sich verpflichtet fühlt „zu liefern“. Für manche tut es offenbar auch einfach eine Erinnerungs-App oder die abgearbeitete Liste, aber das ist wohl eher selten. Als Autor hat man vielleicht ein Wochenziel an Seiten, die es zu schreiben gilt, der Student wird vom Dozenten regelmäßig auf Fortschritt kontrolliert.

Im Gegensatz dazu fühlt sich der Rebell überhaupt nicht verpflichtet, Erwartungen zu erfüllen. Er lebt und entscheidet spontan nach Gefühl, dabei schmeißt er auch eigene Entscheidungen über Bord, die ihm nicht mehr passen. Der Rebell widersetzt sich Erwartungen und Regeln einfach, weil er will und kann. In unserem Kindergarten gibt es einen Jungen, der immer wieder mit den anderen Kindern und Erziehern in Konflikt kommt, weil er ständig Regeln bricht. Er rennt die Treppe runter, obwohl das verboten ist. Er will Tischdienst machen, obwohl er sich dafür hätte anmelden müssen. Wird er dann belehrt, und das können Kinder und Erzieher ziemlich gut, heult er herzzerreißend. Jedes Mal.

 

Der Rebell

Der Rebell will selbst entscheiden. Und genau das ist auch der Trick, um mit ihm besser klarzukommen. Im Buch erzählt die Autorin von einer Schülerin, die solche Probleme in der Schule hatte, dass sie hinschmeißen wollte. Ein Jahr vor dem Abschluss. Erst als ihre Eltern ihr erlaubten, selbst zu entscheiden, als sie also in Kauf nahmen, dass ihre Tochter eventuell ohne Abschluss die Schule schmeißt, konnte sich das Mädchen doch noch dazu durchringen, das Jahr fertig zu machen und bis zum Abschluss durchzuziehen. Aber nun war es ihre eigene Entscheidung und das ist bei Rebellen ganz wichtig.

Wenn Rebellen wahrnehmen, dass andere Ihre Bemühungen schätzen verlieren sie unter Umständen die Freude daran, die bisherige innere Erwartung auch umzusetzen. Einfach nur, weil sie ja dann die Erwartung der anderen erfüllen. Das ist kontraproduktiv für einen Rebellen. Und es wird immer so bleiben. Echte Rebellen ändern sich auch nicht. Damit haben sie es im Leben oft nicht leicht.

Wie nun mit ihm umgehen? Gretchen Rubin sagt am einfachsten geht es, wenn wir Rebellen eine klare Abfolge geben von Information, Konsequenz und Wahlfreiheit. So können sie eine überlegte Entscheidung treffen und dabei aber eben selbst entscheiden.

 

Der Questioner

Zu guter Letzt gibt es noch den Questioner, der wissen muss, warum etwas passiert oder passieren soll, warum seine Mithilfe gefragt ist oder wie er die beste Entscheidung fällen kann. Questioner folgen nur inneren Erwartungen. Äußere müssen erst zu inneren werden. Das passiert zum Beispiel, indem der Questioner Fragen stellt, um zu verstehen, warum etwas von ihm gefordert wird. Erst wenn er das versteht und nachvollziehen kann, wird es für ihn zu einer inneren Erwartung, die er übernimmt.

Questioner tun sich schwer mit Entscheidungen. Sie recherchieren bis sie wissen, was sie wollen oder was die beste Lösung ist. Dabei vertrauen sie auch Experten nur ungern. Sie machen sich lieber selbst ein Bild. Das kann für sie selbst aber auch für ihr Umfeld bereichernd aber auch anstrengend sein. Ein Chef, der seine Entscheidung erklären muss, fühlt sich vielleicht hinterfragt und in Frage gestellt, obwohl der Questioner das nicht so meint. Er will einfach verstehen, wie eine Entscheidung zustande kam, damit er sie vor sich selbst vertreten kann. Die Autorität von Ärzten wird auch gern hinterfragt, Questioner sind nicht gut im Befolgen ärztlicher Ratschläge, solange diese nicht gründlich erklärt worden sind.

Jemand dieses Typs ist meist sehr daten-orientiert und logisch, er ist interessiert an Verbesserungen und optimiert gern. Er kann aber auch „zu Tode analysieren“ und kommt dann nicht voran, hier können von vornherein gesetzte Termine und Deadlines helfen. Alles, was irgendwie willkürlich scheint, und seien es nur die guten Neujahrsvorsätze wird boykottiert bzw. ignoriert. Für solche nicht gerechtfertigten Dinge ist dieser Typ nicht zu haben. Begründungen wie: Is so!“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht“ bringen den Questioner auf die Palme (davon kann ich ein Lied singen!). Er selbst steht Fragen die eigene Urteilsfähigkeit betreffend, allerdings auch nicht offen gegenüber, weil er sich dann selbst in Frage gestellt fühlt. Questioners treffen wohlüberlegte Entscheidungen, daher wollen sie sich dann nicht mehr rechtfertigen müssen, besonders wenn sie diese als Zeitverschwendung identifizieren.

Wenn es Menschen dieses Typs schwer finden, eine wichtige Erwartung (z. B. von ihrem Chef) zu erfüllen, die sie für sinnlos halten, können sie eventuell auf der 2. Ebene eine Rechtfertigung dafür finden. Dann sagen Sie sich eventuell, dass diese Aufgabe wichtig ist für ihren Chef, oder auch für ihre eigene Karriere. Die Autorin sagt sehr schön, dass es für Questioners manchmal wichtig ist zu erkennen, was sie tun müssen, um dann auch tun zu können, was sie wollen.

 

Mit diesen Beschreibungen ist der Artikel viel länger geworden, als ich dachte. Glückwunsch, dass Du es bis hierher geschafft hast. Konntest Du Dich wiederfinden? Hast Du Dich ertappt gefühlt? Mir ging es beim Lesen definitiv so. Ich weiß jetzt, warum ich so viele Fragen stelle und oft so lange brauche bis ich mich entscheiden kann. Vor allem aber weiß ich, wie ich besser auf meine Schwester, meine Mutter und viele andere aus meiner Umgebung eingehen kann, und warum es so vielen so schwerfällt, Grenzen zu setzen oder für sich zu sorgen. Und es ist gut zu wissen, dass es keinen Sinn hat, dagegen anzukämpfen. Stattdessen lieber Möglichkeiten finden, die Schwächen zu kompensieren – mit Deadlines, Verabredungen, Ankündigungen und im Fall der Rebellen mehr Möglichkeiten der Selbstbestimmung. Das Buch hat da noch viele weitere Vorschläge, ich empfehle es sehr.

3 Kommentare
  1. Anne
    Anne sagte:

    Hallo Susanne,
    ja, es ist echt erhellend, oder? Auf einmal versteht man sich wieder etwas besser. Willkommen im Club;-)

  2. Susanne Oertel
    Susanne Oertel sagte:

    Ach wie herrlich! Danke, dass Du mir eine Mail geschrieben und so auf Dich aufmerksam gemacht hast. Und ich dadurch wieder ein Stückchen mehr über mich selbst lernen konnte. Questioner, ganz eindeutig und ohne Test! Ich will alles, alles immer ganz genau wissen und noch mehr. Erst letzte Woche hatte ich eine Diskussion mit meinem Mann darüber, der meinte, ich mache mir immer die Dinge anderer zu eigen und würde immer so penentrant in die Tiefe gehen müssen – bei allem. Er kann das überhaupt nicht nachvollziehen weil es das Leben unnötig kompliziert macht. Da hat er leider recht, ich mach es mir gerne selbst schwer. Aber jetzt weiß ich zumindest, warum 🙂

    Liebe Grüße
    Susanne

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